ganz konkret“

15. Feb. 2020 bis
02. Mai 2020

Vernissage:
15. Feb. 2020, 17 Uhr





Öffnungszeiten:
Do / Fr / Sa 17 -19 Uhr, 
und nach Vereinbarung

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Z U R Ü C K

ganz konkret

Ilse Aberer I Götzis und Prof. Dietmar Guderian I Freiburg
Einführung: Prof. Dietmar Guderian und Erhard Witzel

Beteiligte KünstlerInnen:
Ilse Aberer - A I Waltraut Cooper - A I Edgar Diehl - D I Werner Dorsch - D I Ingo Glass - ROU I Gisela Hoffmann - D I
Gerhard Hotter - D I Michel Jouet - F I Vesna Kovacic - SVN I Laszlo Otto - HUN I Rolf Schneebeli - CH I Martin Vosswinkel - D I


Im Herbst beginnen Uta Waeger und Erhard Witzel im QuadrART Dornbirn mit einem neuen Ausstellungsformat. Der Titel: „In guter Gesellschaft“.
Der Tradition folgend wird zu jeder Show ein Kurator eingeladen, der die jeweilige Ausstellung verantwortet. Das sollen zukünftig Vorarlberger
Künstler sein, die dann nicht nur mit eigenen Arbeiten in der von Ihnen organisierten Ausstellung vertreten sein sollen, sondern sie werden drei
bis sechs Kollegen mit dazu einladen, die mit ihren künstlerischen Statements in einen Dialog treten.
Mit diesem neuen Format soll mehr der Fokus auf die spannende Vorarlberger Kunstszene gelegt werden, die bereits seit geraumer Zeit immer
weniger Möglichkeiten hat, im „non kommerziellen“ Bereich in Vorarlberg ihr Leistungsspektrum zu präsentieren.
Als quasi „Intermezzo“, bevor das neue Format im September beginnt, haben die Kuratoren Ilse Aberer I Götzis und Prof. Dietmar Guderian I Freiburg
unter dem Titel "ganz KONKRET" internationale Künstler eingeladen, die sich in ihrer künstlerischen Arbeit komplett dem Thema „konkret“ widmen.
Es wird in einigen Fällen ein Wiedersehn in Dornbirn geben, denn mit Gisela Hoffmann, Vesna Kovacic, Ilse Aberer und Edgar Diehl zeigen Künstler,
die bereits in „Ansichten“ Präsentationen im QuadrART Dornbirn zu sehen waren, ihre neusten Arbeiten.
Erhard Witzel

Anmerkungen zur Ausstellung „ganz KONKRET“ im QuadrART in Dornbirn
Das Wort „konkret“ hat im deutschen zwei Bedeutungen: Sagt jemand zum Beispiel über eine Person „Manches an dir gefällt mir nicht“, dann
könnte die angesprochene Person zum Beispiel sagen: „Werd’ doch mal konkret“ und meint damit etwa: „Komm doch mal zur Sache“ oder „Nenn’
doch mal ein Beispiel“.
In der „KONKRETEN Kunst“ hat das Wort dagegen ein davon abweichende, ganz spezielle Bedeutung: Dem Sinne nach wie „sachlich überprüfbar
und richtig“.
Wenn Max Bill 1980 zum Beispiel in seinem Werk „Konstruktion zum Thema 3:4:5“ die Seitenlängen in einem pythagoräischen Dreieck durch
3,4  und 5 aneinander gereihte gleiche Quadrate darstellt, so können wir durch Abzählen der kleinen Quadrate wie Pythagoras vor 2000 Jahren
tatsächlich feststellen: die Seitenlängen stehen im Verhältnis von drei zu vier zu fünf.
Mit max bill könnten wir sagen: „Das Bild und sein Titel sind von menschlichem Geist geschaffen, „richtig“ und vom menschlichen Geist erkennbar
und überprüfbar“.
Derartige KONKRETE Kunstwerke stellen keine realen Situationen oder Gegenstände in einer bestimmten Stilrichtung dar. Sie repräsentieren in
Kunstwerke übertragene Gedanken, genauer gesagt, sind sie Produkte logischen Denkens, also mit Hilfe menschlichen Geistes geschaffene Produkte.
Setzten wir voraus, dass an den Grundfesten logischen Denkens – es gibt nur entweder „wahr“ oder „falsch“– nicht gerüttelt wird, so bleiben durch
Künstler geschaffene auf der üblichen zweiwertigen Logik basierende KONKRETE Kunstwerke für alle Zeit logisch gestaltet und überprüfbar.
Ihr geistiger Inhalt lässt sich auch zukünftig erkennen und überprüfen. Sie ruhen losgelöst von jeder modischen Strömung in sich.
Diese Unabhängigkeit der KONKRETEN Kunst von jedem Trend ist mit Sicherheit ein Grund für ihre andauernde Existenz in Vergangenheit und
Zukunft, während andere Stilrichtungen in den vergangenen hundert Jahren kamen und wieder vergingen. Die KONKRETE Kunst konnte sich jedoch
nicht ein einziges Mal eine Zeit lang als so etwas wie eine Hauptkunstrichtung durchsetzen:
Sie blieb dennoch seit ihrer Entstehung im frühen zwanzigsten Jahrhundert bis heute durchgehend und durch alle politischen und gesellschaftlich
Veränderungen hindurch präsent
Drei wesentliche Merkmale der KONKRETEN Kunst machen im Unterschied zu anderen Kunstrichtungen ihre globale und zukunftsweisende
Bedeutung aus:
- KONKRETE Kunst arbeitet mit international bekannten und genutzten u.a. mathematischen Elementen und Zusammenhängen.
- Ihre Art der Kunstvermittlung ist weitgehend nichtverbal.
- KONKRETE Kunst kann geradezu völkerverbindend losgelöst von kulturellem Vorwissen ausgeführt und betrachtet werden.
Damit ist sie auch geeignet für „bildungs- bzw. traditionsferne“- Bevölkerungsschichten aber auch für Volksgruppen aus verschiedenen Kulturkreisen,
z.B. erkennbar auf der vorletzten Biennale 2016 an herman de vries aus den Niederlanden und auf der documenta 14 am Beispiel von Künstlerinnen
und Künstlern aus Chile, Mexico, Lappland, Kanada, Pakistan.
In dieser Ausstellung zeigen Künstlerinnen und Künstler *) vor allem im vergangenen Jahrzehnt geschaffene KONKRETE Kunstwerke aus einer von
dem Freiburger Professor Dietmar Guderian gegründeten Gruppe für Neue KONKRETE Kunst.

1
Der aus Victor Vasarelys Geburtsstadt stammende Ungar Laszlo Otto malt in einer schon fast historisch zu nennenden Weise basierend auf der
Folge 1,2,3,4,... Rasterbilder in einer logischen Strenge und Perfektion, wie ich sie nicht einmal in den Ateliers der Altmeister der KONKRETEN Kunst
sah.
2
Der gebürtige Siebenbürger Ingo Glass lebt heute in Budapest und steht mit seiner Kunst seit Jahrzehnten gezielt und durch seine eigene geistige
Leistung und deren optische Ergebnisse im Gegensatz zum Beispiel zu der im vergangenen Jahr gehrten Bauhaus-Pädagogik: Er übernimmt nicht
deren auf Kandinski ́s Buch „Über das Geistige in der Kunst“ basierende Farb-Form-Zuordnung Quadrat-Rot, Kreis–Blau, Dreieck–Gelb. Er
entscheidet, weil ihm der Kreis dynamischer erscheint als das Quadrat, dem Kreis die Farbe Rot zuzuordnen. Diesem Prinzip bleibt er durch sein
jahrzehntelanges Schaffen hindurch treu. Da er ausschließlich mit den drei geometrischen Grundformen Quadrat, Kreis, Dreieck arbeitet, bleibt ihm
ein künstlerischer Spielraum nur bei der formalen Gestaltung seiner Kunstwerke. Ein Beispiel dafür sehen wir hier in einer für ihn wichtigen, mit dem
Geist des Künstlers entwickelten und von uns geistig überprüfbaren Skulptur: Das blaue Quadrat und das gleich hohe gelbe Dreieck sind so bemessen,
dass sie mit ihren Ecken ein Quadrat in der Ebene bilden, in dem zentral das rote Dreieck ruht.
3
Die Nürnbergerin Gisela Hoffmann geht in den Raum hinaus, versucht sich wie max bill an Figuren, die an das vor vielen Jahrzehnten erfundene
Möbius-Band erinnern, das auch von Eschers auf dem Band endlos hintereinander herlaufenden Ameisen bekannt ist. Aber die Künstlerin stülpt ihrem
Werk, das nur scheinbar ein Möbius-Band ist, ein anspruchsvoll erdachtes räumliches Konzept über: Die Skulptur ist achsen- und rotationssymmetrisch.
4
Sie erreichen wie Ilse Aberer durch den neuartigen Einsatz Jahrhunderte alter Gestaltungsprinzipien – hier des Goldenen Schnitts
– neue Seherlebnisse für den Betrachter.
Jede der abgebildeten Skulpturen gehört zu einer Serie, die dem Alphabet folgend aus 26 unterschiedlich farbigen Arbeiten besteht, die alle aus
einem Quadrat erarbeitet wurden und nach bestimmten Gesetzmäßigkeiten geteilt und neu zusammengefügt wurden.
5
Das miteinander korrespondierende Bildpaar von Werner Dorsch wendet ein wichtiges geistiges Ergebnis aus
dem frühen 16. Jahrhundert, die perspektivische Darstellung, so gekonnt ein, dass zwei scheinbar gleiche Situationen in verschiedene Richtungen
interpretiert werden können.
6
Der Nürnberger Gerhard Hotter setzt für das bereits bei Laszlo Otto vorgestellte Verfahren der Rasterbild- Gestaltung nicht wie dort die Folge der
natürlichen Zahlen an sondern er benutzt dazu die Langfordsche-Folge, eine ganz spezielle Zahlenfolge, die sogar nicht jedem Mathematiker
spontan einfällt. Das Besondere daran ist: Der Künstler benutzt ein streng kontrollierbares Ergebnis der geistigen Beschäftigung der Wissenschaftler
mit den natürlichen Zahlen, setzt es aber so gekonnt ein, dass ein in den geistigen Gehalt des Bildes nicht eingeweihter Betrachter eine in dem Werk
scheinbar existente strenge Gesetzmäßigkeit zwar zu spüren scheint, sie aber wegen der mangelnden Information nicht zu überprüfen vermag:
Ein KONKRETES Werk dessen versteckte strenge Strukturen vorhanden aber durch den unvorbereiteten Betrachter nur schwer aufzufinden sind.
7
Spielerischer, aber nicht weniger ernsthaft und streng überprüfbar setzt der Worpsweder Martin Vosswinkel Raster ein. Er überlagert in seinen
Bildern jeweils mehrere netzartige, ebene KONKRETE Kunstwerke und gelangt zu einer so nicht vermuteten Pseudo-Räumlichkeit
8
Sie erfordern wie die von strenger Ordnung in fast totale Unordnung kippenden Werke von Vesna Kovacic
9
Die von Edgar Diehl ausgestellte Marquette ist das Modell der mit dem Otto Schaffner Preis ausgezeichneten drei Meter hohen interaktiven Arbeit
„Hemmingways Koffer“. Mit jedem Schritt den der Betrachter vor der Komposition aus gelochtem Stahlblech macht, entsteht eine Vielzahl sich
verändernder Muster
Die Ausstellung zeigt auch Arbeiten zweier Künstler, die die Physik bzw. die physikalische Technik in die Gestaltung ihrer KONKRETEN Kunstwerke
einbeziehen: Der Schweizer Rolf Schneebeli und der Franzose Michel Jouet.,
10
Rolf Schneebeli schafft Kunstwerke in einer Präzision, wie wir sie fast nur von einem Schweizer Künstler erwarten würden: Unter einem auf eine
durchsichtige ebene Grundlage aufgetragenen perfekten zentralsymmetrisdchen Strahlenkranz dreht sich eine runde Schreibe mit gleichem Zentrum
und gleichem Strahlenkranz. Aber die Drehung erfolgt in einer kaum wahrnehmbaren, kleinen Geschwindigkeit: Zwei übereinander gelagerte, durch
und durch KONKRETE Kunstwerke vermögen es so, den Betrachter zu verwirren, helfen ihm erst nach geraumer Eingewöhnung, das gesamte
KONKRETE Kunstwerk geistig zu durchdringen, zu überprüfen und dann entspannt zu genießen.
11
Der Franzose Michel Jouet geht gewissermaßen einen umgekehrten Weg. Er startet z.B. in einem seiner hier gezeigten Werke mit einem KONKRETEN
Bild aus in gleichen Abständen nebeneinander in einem quadratischen Rahmen aufgehängten Pendeln. Dann löst er eines der Pendel aus seiner
Fixierung und dreht den Rahmen soweit, dass das freie Pendel sich aus der quadratischen Bildform herausbewegt: Das ursprünglich KONKRETE
Bild ist immer noch ein KONKRETES Bild: Wir können es, wie vom Künstler geplant, geistig durchdringen und für „richtig“ befinden.
12
Allein das "love"- Bild der Österreicherin und vielmaligen Biennale-Teilnehmerin Waltraut Cooper weist in dieser Ausstellung mit all ihren aus
der traditionellen konkreten Kunst geläufigen Gesetzmäßigkeiten auf neue Wege in der heutigen konkreten Kunst hin. Neue Ergebnisse der Forschung,
z.B. in Kodierung, Kombinatorik, Aleatorik, Wahrscheinlichkeitsrechnung, Statistik, Algorithmik, Stochastik fanden in den vergangenen Jahrzehnten
und finden bis in die jüngste Zeit hinein Eingang in die konkrete Kunst. Bei unserem Beispiel kann jeder Betrachter, der die Duale Verschlüsselung
kennt oder sie sich aneignet, das von menschlichem Geist über die Duale Verschlüsselung von Buchstaben erzeugte Werk entschlüsseln und auf
seine „Richtigkeit“ hin überprüfen: Es ist also ein K
ONKRETES Kunstwerk von menschlichem Geist für menschlichen Geist geschaffen.

DIETMAR GUDERIAN